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Klimaschutz beerdigt – Kohlekraft forever!

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Eingestellt 22, Jan 2014 in Energiewende von Volker Quaschning (644 Punkte)
Bereits die Inhalte des Koalitionsvertrags ließen für die Energiewende nichts Gutes hoffen. Nun hat Energieminister Gabriel in einem Eckpunktepapier seine Ideen für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien vorgestellt. Im Gegensatz zum Koalitionsvertrag wird der Klimaschutz hier nicht einmal mehr erwähnt. Stattdessen werden die Weichen für eine langfristige Sicherung der Kohlekraft in Deutschland gestellt. Sämtliche Klimaschutzversprechen oder der Wunsch im SPD-Wahlprogramm nach einem schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien werden damit wohl endgültig beerdigt. Immerhin begeht Minister Gabriel hier nicht einmal Wortbruch. Bereits im Wahlkampf hatte er der Kohle noch eine jahrzehntelange Zukunft in Aussicht gestellt.

Die Begrenzung des Strompreisanstiegs soll die Rechtfertigung für eine Vollbremsung bei der Energiewende liefern. Dabei musste in den Niederlanden gerade erst kürzlich eine Aluminiumhütte schließen, weil sie durch die niedrigen deutschen Strompreise nicht mehr konkurrenzfähig war. Die Industriestrompreise in Deutschland sind so niedrig wie seit fünf Jahren nicht mehr. Dafür wurden die Haushaltsstrompreise künstlich nach oben getrieben, um den nötigen öffentlichen Druck für ein Ausbremsen der Energiewende zu erzeugen.

Dabei ist Solarstrom weltweit inzwischen so preiswert geworden, dass er in vielen Regionen bereits mit neuen konventionellen Kraftwerken konkurrieren kann. Die Deutsche Bank attestierte daher kürzlich der Photovoltaik eine langanhaltende Boomphase. Durch die stark gefallen Kosten für Solaranlagen würde auch ein sehr schneller und planvoller Ausbau erneuerbarer Energien die Strompreise in Deutschland nur noch vergleichsweise wenig steigen lassen. Stattdessen soll der Neubau von Photovoltaikanlagen in Deutschland von 7,5 Gigawatt im Jahr 2012 über 3,3 Gigawatt 2013 auf 2,5 Gigawatt eingedampft werden. China plant für das Jahr 2014 rund die fünffache Installationsmenge. So verlieren wir nicht nur den Anschluss beim Klimaschutz sondern auch unsere Vorreiterrolle bei den Zukunftstechnologien.

Der Zubau von Windkraftanlagen an Land soll ebenfalls deutlich reduziert werden. Auch hier muss das Kostenargument zur Begründung herhalten. Dabei liefern Windkraftanlagen an Land die mit Abstand kostengünstigste Möglichkeit der Stromerzeugung. Die mehr als doppelt so teure Offshore-Windkraftnutzung im Meer wird hingegen weiter hochgefahren. Schließlich soll der Ausbau der Biomassenutzung fast komplett eingestellt werden.

Sämtliche Maßnahmen tragen unübersehbar die Handschrift der Energiekonzerne, um so die ungeliebte regenerative Konkurrenz in Zaum zu halten. Und damit die Energiekonzerne zu ihrer alten Stärke zurückfinden können, soll auch gleich noch der Marktzugang für kleine Akteure deutlich erschwert und eine Energieversorgung in Bürgerhand gleich mit beerdigt werden.

Wenn die von Gabriel vorgestellten stark reduzierten Ausbauziele für erneuerbare Energien tatsächlich umgesetzt werden, muss zur Sicherstellung der Stromversorgung die Menge an fossilem Strom in Deutschland über die nächsten 15 Jahre konstant bleiben. Wird danach der Zubau erneuerbarer Energien nicht deutlich hochgefahren, könnten erneuerbare Energien nie mehr als Hälfte der deutschen Stromversorgung decken – Kohlekraft forever. Die Energiekonzerne haben schon mal ihren Sekt kalt gestellt. Wie eine Politik, die ausschließlich dazu dient, den Energiekonzernen ihre Macht zu erhalten, den Klimaschutz mit Füßen tritt und Zukunftstechnologien kampflos an internationale Wettbewerber abgibt, helfen soll, der SPD zur neuen Stärke zu verhelfen ist schleierhaft. Herr Gabriel: Es steht viel auf dem Spiel: für Ihre Partei, für Sie, für unser Land und vor allem für unsere Kinder. So werden Sie nicht gewinnen. Und in Deutschland gibt es genügend verantwortungsbewusste Menschen, die sich nicht mehr von der hemmungslosen Lobbypolitik zugunsten der Energiekonzerne an der Nase herumführen lassen. Wir werden verhindern, dass unsere Kinder zu den ganz großen Verlieren zählen.

Prof. Dr. Volker Quaschning
www.volker-quaschning.de
   

1 Antwort

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Beantwortet 22, Jan 2014 von Martin Werner (2,069 Punkte)
Herr Prof. Quaschning,

ich stimme in vielem mit Ihnen überein. Leider sitzt die unselige Allianz von Politik und Industrie jetzt erstmal wieder fest im Sattel.  Frau Kraft wird ihre Kohle-Freunde über Herrn Gabriel bedienen und vom Hoffnungsträger Baake hört man erstmal nichts.

Also wie wollen wir verhindern, dass unsere Kinder und Enkel zu den Verlierern zählen?

Ich fürchte, dass Ihr Optimismus bezüglich der Zahl verantwortungsbewusster Menschen leider etwas zu groß ist. Es stimmt, viele sind für die Energiewende, aber viele davon sind auch "nimbys"(not in my backyard): Windkraft find ich toll, aber bitte nicht in meiner Sichtweite. Biogasanlagen sind Klasse, aber nicht in "Riechweite" und wenn ich auch noch die PV-Anlage meines Zahnarzts bezahlen soll ....

Es würde mich sehr interessieren, was Sie konkret vorschlagen zu tun, um unseren Zielen zum Durchbruch zu verhelfen.

Beste Grüße
Martin Werner
Kommentiert 23, Jan 2014 von praxis_mueller (147 Punkte)
Hallo Herr Prof. Quaschning,
hallo Herr Werner,

erlauben Sie mir, als Laie und Energie-Nutzer, einige Anmerkungen zu machen.

Ich habe Sie, Herr Prof. Quaschning, gestern in Frank Farenskis 30. Sendung "Leben mit der Energiewende" bei gesehen.

In Ihren Ausführungen habe ich sehr viel Zuversicht hinsichtlich der Energiewende herausgehört, die Sendung wurde ja vor der Veröffentlichung von Herrn Gabriels Vorstellungen zur "Reform" des EEG aufgenommen.
Die Vorstellungen von S. Gabriel fassen Sie in Ihrem Beitrag oben -ernüchternd- zusammen.

Sie, Herr Werner, haben diese Allianz von Kohle-"Kraft" und den - um immerhin 25 % geschrumpften - Großen-Vier erwähnt.
Ich finde das ebenfalls ernüchternd.

Ich hatte zunächst meinen Partei-Austritt in Erwägung gezogen - (Was konkret zu tun ist (@M. Werner)), habe dann abgewartet und mein Mandat bei der Mitgliederbefragung genutzt.
Neue Zuversicht hatte ich trotz des positiven Mitgliedervotums zum Koalitionsvertrag, als Herr Gabriel Herrn Baake als Staatsekretär für sein Ministerium nominierte, doch dann (@ M. Werner) sah das Ergebnis trotz Herrn Baake kohleschwarz aus.

Wie auch Sie, Herr Werner, frage ich mich, was wir konkret tun können. Für unsere private Energiewende habe ich, denke ich, einiges getan: PV, Wärmepumpe (http://www.heizen-eiskalt.de/anlagenkonzepte/das-energetische-trio),  Opel Ampera.
Als Laie kann ich Ihnen, Herr Werner, sagen, dass ich vor 18 Monaten nur Energie gespart habe, LED-Lampen, effiziente Hausgeräte usw. Ich habe "Energiewende" nur über die "alten Medien" wahrgenommen.
Nach der Installation der Wärmepumpe habe ich aus dem Heise-Verlag das Sonderheft Energie angefordert, dort war Frank Farenskis Film "Leben mit der Energiewende" enthalten. Das war für mich die Motivation weiter zu machen: Photovoltaik und Opel Ampera.
Der Aufruf zur Demonstration am 30.11.2013 mit der durch Campact initiierten Verschickung des Films "Die 4. Revolution" - mit Hermann Scheers Ausführungen waren dann die Auslöser zur Demonstration zu gehen.
Ich glaube dies ist der entscheidende Punkt des konkreten Tuns:
Dass nicht nur 16.000 Menschen in Berlin, sondern zunächst in vielen Landeshauptstädten am 22.3.2014 und dann in Berlin am 10.5.2014 mit großer Beteiligung der Bevölkerung, die ja wohl mehrheitlich für eine Energiewende ist, mit Nachdruck von der Straße bewusst gemacht wird, dass die vorgesehene Energiepolitik so von der Bevölkerung nicht akzeptiert wird.

Das Netz (als Schlüssel zur Aktivierung) mit Twitter, dem Forum "top50-solar" und Portalen wie ".ausgestrahlt", "Campact", Franz Alts "Sonnenseite" u. a. muss genutzt werden, um möglichst viele zu aktivieren, an den Demonstrationen teilzunehmen.
Neben den Aktivisten der Berliner Demo vom 30.11.2013, insbesondere Franz Alt, wären auch Sie, Herr Prof. Quaschning, ein Mann der nicht nur zu über 700 Abonnenten von Frank Farenskis Youtube-Kanal, sondern zu wesentlich mehr Menschen sprechen könnte.
In unserer Praxis bespreche ich nicht nur direkt Gesundheit und Krankheit der Patienten. Auch die Form der Energiegewinnung hat Einfluss auf unsere Gesundheit, so dass ich mit Patienten diesen Zusammenhang nahe bringe und auf PV, alternative Heizsyteme und E-Mobilität nahebringe, diskutiere.
Der örtliche Solateur ist daraufhin schon aktiv geworden.

Gruß
Dr. Karsten Müller
Kommentiert 23, Jan 2014 von Martin Werner (2,069 Punkte)
Hallo Hr. Dr. Müller,
auch mit Ihnen kann ich große Übereinstimmung feststellen. Klar, jeder muss bei sich selber anfangen (s. mein Profil) und versuchen in seinem Umfeld wirksam zu werden. Aber manchmal habe ich einfach das Gefühl, dass das unsere Politiker nicht wirklich interessiert. Wenn ich meinem MdB im Kreis schreibe bekomme ich bestenfalls eine Bla-Bla-Mail zurück, selbst vor der Wahl waren manche Kandidaten noch nicht einmal willens überhaupt zu antworten.
Aber, auch da haben Sie recht: Nicht locker lassen und weiter machen nach dem Motto "Steter Tropfen höhlt den Stein". Vielleicht geht es einfach nicht so schnell, wie wir uns das wünschen, aber Hauptsache in die richtige Richtung!
Gruß
Martin Werner

PS. Ihre Eisheizung finde ich als Physikochemiker super interessant!
Kommentiert 23, Jan 2014 von Jörg Tuguntke (1,368 Punkte)
Alles was eigentlich gesagt werden müßte, wurde von Ihnen schon aufgeführt.
Als "Ergänzung": Ich gehöre seit Jahren sowohl dem BSW als auch dem SFV an und "sehe" täglich, wie diese Organisationen in den relativ kleinen Kreis der Mitglieder die aktuellen politischen "Aktionen" und die geplanten "Gegenmaßnahmen" publizieren.

Fakt ist doch, das dauernde Wiederholen der Phrasen "die Energiewende ist zu teuer", "alternative Energien machen den Strom unbezahlbar" und ähnlicher FALSCHER Sprüche kommt bei "den Menschen" an. Die Zahl der Befürworter der Energiewende (also die 180° nicht die 360°)  nimmt doch ab, auch wenn noch eine Mehrheit dafür ist.

WIR (die Befürworter) haben einfach keine Lobby mit nahezu unbegrenzten finanziellen Mitteln* um ALLE Bürger so anzusprechen, daß man sie erreicht.

Wenn wir den Spruch von Franz Alt (die Sonne schickt keine Rechnung) einfach abwandeln (verküzen) würden (Sonnenenergie ist umsonst) und den stündlich in jedes Ohr trompeten, bekämen Einige in Berlin Kopfweh.

WIR sind eben eine relativ kleine Gruppe (sehen Sie sich mal die Aktiven in den Foren an, immer die gleichen Namen) und marketingtechnisch schlecht aufgestellt.

Dazu kommt noch, daß WIR ALLE mit unserer Energierechnung auch noch die Aktionen (*) der großen Energieversorger / Netzbetreiber gegen die Energiewende finanzieren, da die -Dank Vollkostenrechnung- alle Ausgaben gegen die Energiewende über die Energiepreise bezahlt bekommen.

Der SFV schreibt heute dazu:
"Liebe SFV-Mitglieder,

schon einmal konnte der Solarenergie-Förderverein den Umstieg auf Erneuerbare Energien beschleunigen. Vor 25 Jahren haben wir die kostendeckende Einspeisevergütung für Solarstrom vorgeschlagen, die zuerst in 40 deutschen Städten und später im EEG umgesetzt wurde, und die weltweit zu rasanten Verbilligungen der Solarenergie führte.

In konsequenter Fortsetzung dieses Erfolgs schlagen wir nun eine nationale Vorreiterrolle unseres Landes zum weltweiten Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare Energien vor. Damit stehen wir im entschiedenen Gegensatz zu den Meseberger Beschlüssen der Bundesregierung.

Um unser hoffnungsbringendes Konzept besser in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, wollen wir jetzt einen Referenten für Öffentlichkeitsarbeit einstellen.

Dazu stellen wir Ihnen die Frage nach einer Beitragserhöhung.

Bitte lesen Sie weiter unter
http://www.sfv.de/artikel/mitgliederbefragung.htm

Machen Sie mit!   " (Zitat ende)

Ich bin schon dabei.

mfg   tugu
Stellen Sie Ihre eigene Frage:

 

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