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Kurzfassung zum Vortrag Blendgutachten Photovoltaik – ein Statusbericht aus der Gutachterpraxis

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Eingestellt 17, Mär 2014 in Photovoltaik von Michaela Fischbach (112 Punkte)

Blendgutachten Photovoltaik

– ein Statusbericht aus der Gutachterpraxis

Die Blendproblematik wird im Planungsprozess von PV-Anlagen oft übersehen und erst relativ spät bei Auflagen der Genehmigungsbehörden beachtet. Zunehmend gibt es auch nach Anlagenerrichtung Beschwerden oder Belästigungsanzeigen von Verkehrsteilnehmern oder Anwohnern. Eine frühzeitige Beachtung im Rahmen eines Blendgutachtens kann Kosten und Risiken reduzieren. Das Thema Blendung ist komplex und wird in der brancheninternen Debatte oft unzulässig vereinfacht behandelt. Die Autoren, alle seit Jahren gutachterlich im Bereich Blendung durch PV-Anlagen tätig, haben sich auf einen Austausch zu Berechnungsverfahren und gutachterlichen Annahmen verständigt.

Typische Aufgabenstellungen sind, festzustellen, ob Reflexionen des Sonnenlichts eine Gefährdung des Straßen-, Bahn- oder Flugverkehrs oder des Flughafenbe­triebes darstellen oder unzumutbare Nutzungseinschränkungen für Wohnungen, Gewerbebetriebe oder soziale Einrichtungen zur Folge haben können. Blend­gutachten müssen folgende Aspekte enthalten:

  1. Ermittlung der Reflexionseigenschaften der verwendeten PV-Module, d.h. der Emissions­richtung der Reflexionen und deren Ausprägung (Versatz, Bündelaufweitung, usw.) in Ab­hängigkeit vom Sonnenstand und der Modulorientierung. Es reicht mitunter nicht aus, Reflexionen nur nach dem Grundsatz Einfallswinkel = Ausfallswinkel zu bewerten.
  2. Es ist der Sichtbezug zwischen Fahrzeugführer bzw. Nutzer und den Emissionsrichtungen aufzustellen – unter Berücksichtigung des jährlichen Sonnenganges mit minütlicher Auflösung im relevanten Bereich. Im Verkehrsbereich erfordert dies Kenntnisse der Verkehrsführung, der Geschwindigkeiten und Positionen. Wo es um Raumnutzung geht, sind die zugehörigen Fenster-, Balkon- oder Terrassenflächen als Zielorte darzustellen.
  3. Bewertung, inwieweit Reflexionen als beeinträchtigend bzw. gefährdend eingestuft werden, sowie Ableitung der erforderlichen Blendschutzmaßnahmen.

Die gegenwärtig angekündigten Forschungsvorhaben konzentrieren sich praktisch ausschließlich auf Schritt 1 – auf die technische Messung der Moduleigenschaften,

die Entwicklung daraus abgeleiteter Rechenmodelle bzw. auf die Entwicklung von Software, die eine automatisierte Berechnung der Emissionsrichtungen bei Variation der Modulaufstellung erlauben soll.

Bereits bei der Ermittlung der Sichtbezüge für den Verkehr (Schritt 2) war in den vergangenen Jahren ein gewisser Wildwuchs der Annahmen ‑ hinsichtlich Blickhöhe, Geschwindigkeiten, Aufgaben der Fahrzeugführer, Bewertung von Gefälle-, Gabelungs- und Kreuzungssituationen, etc. ‑ zu beobachten. Bei Verkehrs­situationen geht es um eine Gefährdungsbewertung bei präziser Korrelation von Emissions­richtungen mit den Bewegungsprofilen. Summarische Betrachtungen können hier zu eklatanten Fehlern führen, ebenso Unkenntnis der Betriebsabläufe. Ähnliches bei der Bewertung von Sichthindernissen: Topographische Hindernisse und Gebäude können den Sichtbezug unterbrechen, Bäume und anderer Bewuchs müssen fall- und regelungsbezogen bewertet werden.

Bei der Gefährdungsbewertung (Schritt 3) gilt es zu beachten, dass der Verkehrs­teilnehmer möglichen Reflexionen mitunter schutzlos ausgeliefert ist. Durch die Bewegung des Verkehrsteilnehmers besteht die Sichtbarkeit möglicherweise nur für Sekunden – aber auch das kann ihn daran hindern sicher zu fahren.

Für den Bereich niedriger und mittlerer Leuchtdichten (Blendung bei Nacht, Blendung am Computerbildschirm, etc.) gibt es einen umfangreichen Bestand an Forschungsarbeiten und bewährte Richtlinien für Gefährdungswerte. Für den Bereich hoher Leuchtdichten (> 100.000 cd/m²), der bei Reflexionen an PV-Modulen vorherrscht, liegen nur sehr wenige und vielfach widersprüchliche Forschungs­ergebnisse vor. Der Beitrag stellt hier den Stand der Forschung zusammen und benennt Notwendigkeiten und Anknüpfungspunkte für weiterführende Arbeiten.

Reflektieren PV-Anlagen auf Gebäude, geht es darum, wie lange und wie häufig eine Beeinträchtigung der Raumnutzung vorliegt (sog. Einwirkdauer) und ob diese zumutbar ist. Das Hinweispapier Messung, Beurteilung und Minderung von Lichtimmissionen der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI) liefert eine Grenze zwischen Zumutbarkeit und Unzumut­barkeit, die jedoch in der Alltagspraxis behördlicher Genehmigungsver­fahren zu einer Trennmauer zwischen Gut und Böse erstarren.

Hier stellt der Beitrag die bisherigen Erfahrungen aller Autoren mit der Anwendung der Richtlinie und die Rechtsprechung zu diesem Thema dar, macht Vorschläge für eine Anpassung der Genehmigungspraxis und skizziert, wie Schutzmaßnahmen – anders als in der heutigen Genehmigungspraxis – effizient, kostengünstig und nutzerfreundlich ausgestaltet werden könnten.

Dieser Artikel ist die Kurzfassung eines Vortrags am 13.März 2014 auf dem 29. Symposium  von

Michaela Fischbach1, Michael Mack2, Ralf Haselhuhn3 (DGS Berlin)

1) Solarpraxis Engineering GmbH ∙ Zinnowitzer Str. ∙ 10115 Berlin

+49 (0)30 / 72 62 96-300 ∙ michaela.fischbach@solarpraxis.de

2) Solar Engineering Decker & Mack GmbH ∙ Johannssenstr. 2-3 ∙ 30159 Hannover

+49 (0)511 / 646634-0 ∙ mack@solar-engineering.de

3) DGS LV Berlin Brandenburg e.V. ∙ Wrangelstraße 100 ∙ 10997 Berlin

+49 (0)30 / 293812-60 ∙ rh@dgs-berlin.de

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Kommentiert 24, Feb 2016 von Jakob Zehndorfer (96 Punkte)
Ein sehr interessanter Beitrag!

Das Thema Blendung wird oft unterschätzt, vor allem wenn die Anlagen großflächig zu sehen sind. Durch Blendberechnung vor dem Bau der Anlage wird die kostengünstige Optimierung möglich.

Unsere Software erlaubt die detaillierte Berechnung von Blendzeit,-dauer und -winkel.

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