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Gegen den Grundlaststrom

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Eingestellt 7, Jan 2013 in Energiewende von Anonym

Gegen den Grundlaststrom

   

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Beantwortet 7, Jan 2013 von Frank Busse (50 Punkte)

Die Werbung kennt Begriffe, die einen Sachverhalt ausdrücklich nicht beschreiben oder sogar das glatte Gegenteil suggerieren: Vom "Fruchtzwerg" für eine Mischung aus Zucker, Farbstoff, Aromen und Wasser über "thermische Verwertung" für das Verbrennen von Abfällen anstelle des stofflichen Recycling bis hin zur "Energiewende" für das gezielte Verhindern des Einsatzes Erneuerbarer Energien. In dieselbe Reihe gehört auch der Begriff der "Grundlastfähigkeit", deretwegen nicht nur verbohrte Kritiker den Bau von Wind- und Solaranlagen ablehnen: Auch in Umweltschutzverbänden findet bisweilen die Idee Zustimmung, man müsse Wind- und Solaranlagen "grundlastfähig" machen, um den Strombedarf zu decken. Was ist damit gemeint? "Der Strombedarf" ist ein höchst wechselhaftes Wesen: Durch den individuell unterschiedlichen Bedarf vieler verschiedener Verbraucher treten im nationalen wie internationalen Verbund zeitlich und örtlich begrenzt Bedarfsspitzen oder auch -lücken auf, die sich kaum prognostizieren lassen. Erst durch die räumliche und zeitliche stochastische Verteilung der lokalen Bedarfsspitzen und -lücken bildet sich in Summe ein geglättetes Bedarfsprofil aus: Je nachdem, welche individuellen Verbraucher zu einem Versorgungsgebiet "zusammengerechnet" werden, zeichnet sich der summierte Bedarf dieses Gebiets durch eine definierte untere Grenze der elektrischen Leistung aus, die (mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit behaftet) niemals unterschritten wird - diese untere Grenze wird als "Grundlast" bezeichnet. Wenn ein Versorgungsgebiet eine hohe "Grundlast" aufweist, atmen die Betreiber von Atom- und Kohlekraftwerken auf: Denn diese Kraftwerke sind aus technischen Gründen nicht für wechselnden Bedarf geeignet. Sie müssen vielmehr ständig - tagaus, tagein und über Wochen und Monate - mit im Wesentlichen derselben Leistung laufen. Da sie andererseits (solange die Gesellschaft die Risiken und Folgekosten der Umweltbelastung übernimmt) sehr kostengünstig Strom produzieren, suchen die Kraftwerksbetreiber solche Gebiete, in denen sie die für sie hoch profitablen Kraftwerke betreiben können. "Grundlastkraftwerke" sind also zunächst einmal Kraftwerke, die aus technischen Gründen für nichts anderes als für den Dauerbetrieb in Versorgungsgebieten mit definierter "Grundlast" geeignet sind. Nur der die "Grundlast" übersteigende, wechselnde Bedarf wird dort mit teureren regelbaren "Mittel- und Spitzenlastkraftwerken" geliefert. Seit der Anteil an Wind- und Solarstrom im Netz unaufhaltsam steigt, verwendet die Atom- und Kohlelobby den Begriff "Grundlast" in einer zweiten Bedeutung indem sie behauptet, diese "volatilen" Energiequellen seien - im Gegensatz natürlich zu ihren Meilern - nicht "grundlastfähig". Dieser (zugegeben: sehr geschickt gewählte) Begriff definiert nicht nur eine technische Beschränkung ihrer Kraftwerke zu einer "Fähigkeit" um, sondern suggeriert darüber hinaus grundsätzliche Probleme beim Aufbau einer bedarfsgerechten Versorgung, wenn nicht andere Kraftwerke diese "Fähigkeit" aufwiesen. Für eine bedarfsorientierte Stromversorgung haben einzelne konstante Leistung liefernde (sog. "grundlastfähige") Anlagen weder grundsätzliche Vorteile noch Nachteile: Das Kriterium der "Grundlastfähigkeit" einzelner Anlagen ist ohne Spezifikation des zu betrachtenden Versorgungsgebiets schlicht irrelevant. Ohne Zweifel kann es in einzelnen Versorgungsgebieten wirtschaftlich oder technisch sinnvoll - oder tatsächlich zwingend erforderlich - sein, für eine bedarfsgerechte Stromversorgung Quellen mit konstanter Leistung einzubinden. Diese zwingend aus konstanten Quellen zu liefernde Leistung könnte man als "Grundlast" bezeichnen - der mit diesem Begriff benannte Sachverhalt hätte aber nichts mehr mit der oben beschriebenen Bedeutung zu tun, was notwendig zu Missverständnissen und falschen Assoziationen führte. Wer Missverständnisse und falsche Assoziationen vermeiden möchte, sollte das Begriffsfeld "Grundlast" (auch Begriffe wie "Grundlaststrom" und insbesondere "Grundlastfähigkeit") nicht - oder zumindest nicht ohne deutliche Klarstellung, was gemeint ist - verwenden. zum Weiterlesen empfohlen: Grundlast. Wikipedia; http://www.volker-quaschning.de/artikel/grundlast/index.php Detlef Grumbach: Grundlast ist altes Denken. Deutschlandfunk-Hintergrund vom 14.04.2011; Transkript unter http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1436236/ Volker Quaschning: Grundlastkraftwerke, Brücke oder Krücke für das regenerative Zeitalter? Sonne Wind & Wärme 05/2010, S. 10ff.; http://www.volker-quaschning.de/artikel/grundlast/index.php

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