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Warum wird das belgische Atomkraftwerk Tihange nicht abgeschaltet?

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Eingestellt 1, Feb 2016 in Energiewende von Ruth M.

Dass es ein großes Risiko für alle Bürger ist, ist ja unbestritten. Warum wird so lange gezögert und fallen keine klare Entscheidungen? Auf was wartet man hier, auf die nächste Atomkatastrophe? Stromerzeugung ist doch ausreichend vorhanden.

   
Kommentiert 2, Feb 2016 von Nicole Münzinger (686 Punkte)
Hier ein aktueller Artikel zu diesem Thema: http://www.wiwo.de/politik/europa/atom-sicherheit-deutschland-und-belgien-wollen-zusammen-arbeiten/12908134.html
Die Städteregion Aachen führt nun eine Klage gegen das Akw Tihange an. Auf breiter Ebene haben sich hier Kreise und Kommunen aus Rheinland-Pfalz und den Niederlanden angeschlossen.

2 Antworten

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Beantwortet 1, Feb 2016 von Rüdiger Haude (171 Punkte)

Belgien betreibt vier Reaktorblöcke am Standort Doel (nahe Antwerpen) und drei am Standort Tihange (unweit der niederländischen und deutschen Grenze bei Aachen). Zur Zeit besteht ein großer politischer Konflikt um die Blöcke Doel 3 und Tihange 2. Bei beiden waren in den Reaktordruckgefäßen tausende von Fehlstellen („Risse“) entdeckt worden, deren Herkunft bis heute nicht eindeutig geklärt ist.

Die belgische nukleare Aufsichtsbehörde FANC hat Ende 2015 nach fast zweijährigem Stillstand das Wiederanfahren beider Blöcke genehmigt. Die Sicherheit der betroffenen Meiler sei durch die Fehlstellen im Stahl des Reaktordruckbehälters nur unwesentlich beeinträchtigt, heißt es.

Dies ist ein ganz unverantwortliches Verhalten. Die belgischen Atomkraftwerke gelten ohnedies als die unzuverlässigsten der Welt, und gerade zur Zeit des Wiederanfahrens der Risse-Blöcke wurden sie von einer atemberaubenden Serie von Störfällen heimgesucht.

Im deutsch-niederländisch-belgischen Dreiländereck ist eine enorme Protestbewegung gegen die Risse-Reaktoren herangewachsen. Eine regionale Unterschriftenliste nähert sich der Marke einer Viertelmillion Unterstützer. Sämtliche Kommunal- und Regionalpolitiker aller Parteien haben in der Region Aachen gegen die Wiederinbetriebnahme vor allem des nahen Tihange-2-Reaktors Sturm gelaufen, und bereiten zur Zeit Klagen dagegen vor. Auch die wichtigsten benachbarten niederländischen Städte, z.B. Maastricht, schließen sich dem an.

Die gestellte Frage lässt sich also nicht mit Hinweisen auf politische Mehrheitsverhältnisse bei den Betroffenen beantworten, und schon gar nicht mit einer beruhigenden Sicherheitslage. Es liegt eher eine ins Extrem gesteigerte, aber im Prinzip typische Gemengelage vor: Die belgische „Atomaufsicht“ ist personell, institutionell und nach ihrer Interessenlage eng mit dem Atomkonzern „Electrabel“ verbandelt. Die Gewinninteressen des Konzerns werden über die Gesundheitsinteressen der Bevölkerung gestellt.

Hinzu kommt noch, dass Belgien bisher die Energiewende verschlafen hat. Aus Deutschland kann das Land keinen Strom direkt importieren, weil es keine Koppelstelle zwischen dem belgischen und dem deutschen Stromnetz gibt. Da mehr als die Hälfte der belgischen Elektrizität aus den sieben AKW-Blöcken stammt, müsste das Land sich anstrengen, den Bedarf bei einem raschen Atomausstieg anderweitig zu decken. Dazu ist man offenbar nicht bereit.

In einem Schreiben an den Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV) hat der nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel am 14. Januar 2016 folgendes zum Wiederanfahren von Tihange 2 und Doel 3 geäußert: „Den Verantwortlichen ist der Vorwurf nicht zu ersparen, den schnellen Gewinn über die Vorsorge zu stellen.“ Das kommt der Wahrheit wohl recht nahe.

Auf der Facebook-Seite des SFV wird umfangreich über die Tihange-Problematik und über die Proteste gegen die belgischen AKWs berichtet: www.facebook.com/sfv.de

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Beantwortet 3, Feb 2016 von Hans-Josef Fell (402 Punkte)

Dass ausgerechnet in Belgien unhaltbare Zustände im Bezug auf die Atomenergie herrschen, ist sinnbildlich für die nicht existente gemeinsame und nachhaltige europäische Energiepolitik. Sowohl im Atomkraftwerk Tihange als auch im Atomkraftwerk bei Antwerpen sorgten im Dezember des letzten Jahres erhebliche technische Mängel für Probleme. Gerade bei Thiange 1 hätte es gar nicht soweit kommen müssen, weil ursprünglich geplant war den 40 Jahre alten Reaktor im Oktober 2015 vom Netz zu nehmen. Im Jahr 2012 gewährte die belgische Regierung aber eine Laufzeitverlängerung bis ins Jahr 2025, weil das Land nicht genügend in Erneuerbaren Energien investierte und so nun Engpässe in der Stromversorgung befürchtet wurden. Belgien ist es in den letzten Jahren nicht gelungen ausreichend Erneuerbare Energiequellen zu fördern und für Planungssicherheit bei den Investoren zu sorgen.

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