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Die Dogmen der Ökonomie und die Realität

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Eingestellt 27, Jan 2012 in Energiewende von Anonym

Die Dogmen der Ökonomie und die Realität

   

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Beantwortet 27, Jan 2012 von Jürgen Grahl (14 Punkte)

Gesamten Artikel mit Grafikenn: Beitrag als PDF Es ist kaum zu übersehen, dass die heute tonangebenden politischen Kräfte nur unzureichende Antworten auf die großen ökonomischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit zu geben vermögen. Eine wesentliche Ursache hierfür dürfte darin liegen, dass sie sich an ökonomischen Dogmen und Paradigmen orientieren, die in teils eklatanter Weise der Realität oder naturwissenschaftlichen Grundgesetzmäßigkeiten zuwiderlaufen. Wir wollen im Folgenden zehn dieser Dogmen kritisch diskutieren. Es sei darauf hingewiesen, dass es selbstverständlich nicht "die" Ökonomie gibt und dass keineswegs alle dieser Ansichten von allen ökonomischen Richtungen vertreten werden. Die Häufung an prominenten Namen (darunter etlichen Trägern des sog. Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften, die im Folgenden auftauchen, zeigt jedoch, dass es sich dabei keineswegs um unbedeutende Einzelmeinungen handelt, sondern um Mainstream-Positionen.
1 Zehn fragwürdige Dogmen und Paradigmen der Ökonomie
1.1 Das Dogma der unbeschränkten Substituierbarkeit
Ökonomen gehen in der Regel davon aus, dass Wirtschaftsgüter und Produktionsfaktoren (wie Arbeit, Kapital und Energie) prinzipiell beliebig untereinander substituierbar seien, so dass es letztlich nichts Unersetzliches gebe. Dies führt teilweise zu absurden Konsequenzen. So schreiben Paul Samuelson, einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts (Nobelpreis 1970) und William Nordhaus (Yale, Wirtschaftsberater von US-Präsident Carter) in ihrer berühmten
"Volkswirtschaftslehre", bis heute eines der meistgelesenen Ökonomie-Lehrbücher:
"Ökologen argumentieren immer wieder, dass Energie und andere natürliche Ressourcen wie unberührte Natur oder Urwälder ganz besondere Formen von Kapital sind, die unbedingt bewahrt werden müssen, um ein nachhaltiges Wirtschafts- wachstum zu gewährleisten. Dieser Ansicht können sich Ökonomen nicht anschließen, denn sie betrachten die natürlichen Ressourcen einfach nur als eine weitere Kapitalform, die die Gesellschaft ebenso wie schnelle Computer, Humankapital in Form gut ausgebildeter Arbeitskräfte oder technologisches Know-How in ihren
Wissenschaftlern und Technikern besitzt.\ [29, S. 407]
Und Robert M. Solow, der Begründer der neoklassischen Wachstumstheorie (Nobelpreis 1987) schrieb im Jahr 1974:
"Falls sich natürliche Ressourcen sehr leicht durch andere Faktoren substituieren
lassen, dann gibt es im Prinzip kein Problem. Die Welt kann letzten Endes auch ohne
1.2 Gegenwartspräferenz und Zukunftsdiskontierung
Viele ökonomische Modelle bewerten heute verursachte, aber erst in der Zukunft auftretende Schäden nach dem "Esau-Prinzip"; dadurch wird gegenwärtiger Nutzen höher eingeschätzt als zukünftiger Nutzen oder auch Schaden. Quantitativ äußert sich diese Gegenwartspräferenz darin, dass zukünftige Schäden abdiskontiert werden. Träten z.B. in 150 Jahren infolge des anthropogenen Treibhauseekts globale Schäden in Höhe von 10.000 Mrd. Dollar auf (dem Vierfachen der gesamten derzeitigen deutschen Wirtschaftsleistung) und diskontierte man diese Schäden mit einem Diskontsatz von 4% auf die Gegenwart ab, so ergäben sie lediglich einen
Barwert von 28 Mrd. Dollar. Mehr zur Kompensation oder Abwendung dieser Zukunftsschäden heute zu investieren, wäre nach dieser Sichtweise ökonomisch nicht rational. Selbst wenn man künftige Schäden "nur" mit einer (auf den ersten Blick moderat erscheinenden) Zeitpräferenzrate von 1% pro Jahr abdiskontiert, führt dies dazu, dass in 50 Jahren auftretende Schäden nur noch mit 61%, in 400 Jahren auftretende Schäden gar nur noch mit 0,7% ihrer Kosten gewichtet werden. Es liegt auf der Hand, dass künftige Schäden hierdurch in grotesker Weise bagatellisiert werden. Die Philosophie von Spinoza über Kant und Schopenhauer bis zu Rawls lehnt eine solche Diskontierung der Zukunft einhellig ab; der Ökonom Roy Harrod bezeichnet
sie als "eine höfliche Umschreibung für Ragier und die Herrschaft der Leidenschaften über die Vernunft\ (zitiert nach [2, S. 104]).
Ein erschreckendes Beispiel für diese Bagatellisierung schildert Olav Hohmeyer:
"Ein besonderes Erlebnis für den Verfasser dieses Gutachtens war in diesem Zusammenhang die Forderung einer Regierungsdelegation bei den Verhandlungen [...] der IPCC in Accra im März 2001, alle Klimakosten mit einer Diskontrate von 20% real auf Barwerte umzurechnen. Eine solche Vorgehensweise führt dazu, dass es für heutige Entscheidungen über Treibhausgasemissionen egal ist, ob der Golfstrom in einigen hundert Jahren aufgrund unserer heutigen Emissionen abreisst und Nord- und Mitteleuropa unbewohnbar werden, da jeder Schaden, der einige Jahrzehnte in
der Zukunft liegt, praktisch auf Null abdiskontiert werden müsste.\ [17, S. 31].
1.3 Die Gleichsetzung von Preis und Wert
Ein einseitig ökonomistisches Denken tendiert dazu, den Wert einer Sache mit ihrem Preis zu verwechseln. Das kann zu beinahe skurril anmutenden Fehleinschätzungen verleiten. So haben in den 1990er Jahren drei renommierte Ökonomen, Thomas C. Schelling (Harvard, Nobelpreis 2005), Wilfred Beckerman (Oxford) und der bereits erwähnte William Nordhaus unabhängig voneinander die Risiken des anthropogenen Treibhauseekts bewertet. Dabei nahmen sie an, dass die Landwirtschaft praktisch als einziger Wirtschaftszweig von den Folgen der Klimaveränderung betroffen sei. Nun trägt die Landwirtschaft aber nur etwa 3% zum Bruttoinlandsprodukt der USA bei. Daher kamen Nordhaus, Beckerman und Schelling zu dem Schluss, dass
selbst bei einem drastischen Einbruch der Landwirtschaft nur unbedeutende Wohlstandsverluste zu erwarten seien; denn selbst wenn die Agrarproduktion um 50% zurückginge, sänke das Bruttoinlandsprodukt ja nur um 1,5%; würde die landwirtschaftliche Produktion durch den Klimawandel drastisch reduziert, so stiegen nach Schelling die Lebenshaltungskosten nur um 1 bis 2%, und das zu einer Zeit, wenn sich das Pro-Kopf-Einkommen wahrscheinlich verdoppelt haben würde (zitiert nach [3]). Die von solchen Studien ausgehende Botschaft an die Politik
liegt auf der Hand: Energische Maßnahmen gegen die Klimaveränderung seien unnötig und schädlich.
Einer solchen Risikoeinschätzung entgeht natürlich, dass bei drastischer Verknappung von Nahrungsmitteln deren Preise explodieren - und damit auch den heute eher marginalen Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt in die Höhe treiben würden. Vergessen scheint, dass schon immer schwere Wirtschaftskrisen mit Hungersnöten einhergingen. Wir haben hier ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sehr Preis und Wert eines Gutes auseinanderklaen können:
Dass die Getreidepreise heute so niedrig sind, ist dadurch bedingt, dass - jedenfalls in den Industrieländern - nur eine geringe Knappheit an Getreide herrscht, und lässt keine Rückschlüsse auf dessen tatsächlichen Wert zu (allenfalls auf dessen mangelnde Wertschätzung). Preise sind eben in erster Linie Knappheitsindikatoren und nicht Wertmaßstäbe - ein Umstand, der als sog.Wasser-Diamanten-Paradoxon natürlich auch den drei Top-Ökonomen eigentlich vertraut ist.
Zudem offenbart sich in deren Aussagen erneut der oben angesprochene beinahe naive Glaube an die unbegrenzte Substituierbarkeit der verschiedenen Güter untereinander.
Einen ähnlichen Fehlschluss begeht die Ökonomie bei der Einschätzung der Bedeutung der Energie als Produktionsfaktor. Dieser wird evident bei der Analyse der Ölkrisen der 1970er Jahre.
1.4 Die Ökonomie und die Ölkrisen
Während der ersten Ölkrise zwischen 1973 und 1975 ging infolge der Drosselung der Erdölfördermengen durch die OPEC der Energieeinsatz in den USA und Westeuropa um bis zu 7% z

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