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Interview mit Timo Leukefeld zur UN-Klimakonferenz in Paris

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Eingestellt 30, Nov 2015 in Energiewende von Timo Leukefeld (152 Punkte)

Prof. Leukefeld im Gespräch mit der EnergieAgentur.NRW

Vom 30. November bis zum 3. Dezember findet in Paris die UN-Klimaschutzkonferenz statt, von der sich viele einen Durchbruch in den Verhandlungen um eine neue internationale Klimaschutz-Vereinbarung in Nachfolge des Kyoto-Protokolls erhoffen. Wie berechtigt diese Hoffnungen sind, welche Auswirkungen der Klimawandel künftig noch hat und wie man darauf reagieren muss – dazu sprachen wir mit Timo Leukefeld, Honorarprofessor an der Berufsakademie Glauchau und an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg, Berater von Politik und Wirtschaft sowie seit 2013 „Energiebotschafter der Bundesregierung“.

Montag beginnt in Paris die UN-Klimakonferenz. Was wünschen Sie sich von der Konferenz?
Ich würde mir wünschen, dass in Paris nicht nur über die Veränderung des Klimas an sich gesprochen wird, sondern für sich verstärkt über die Klimafolgenanpassung. Denn eins ist klar: Wir müssen uns verstärkt der konkreten Auswirkungen des Klimawandels auf unseren Referenzrahmen bewusst werden – und die Lehren daraus ziehen.

Was wären das für Lehren?
Zum Beispiel im Gebäudebereich nicht allein auf den Kälteschutz fokussiert zu sein, sondern zunehmend bei Neubau und Sanierung die Möglichkeiten des Wärmeschutzes zu berücksichtigen. Extreme Wetterlagen mit Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad wirken sich auf die Wohnqualität aus. Und in den Innenstädten bilden sich so genannte Hotspots, in denen es nachts nicht mehr zur Abkühlung kommt. Wir müssen also über die physikalischen Eigenschaften unserer Baustoffe nachdenken.

Die Gebäudehülle, die vor Wärme und Kälte gleichermaßen schützt – gibt es doch bereits?

Ja, lässt sich aber optimieren! Eigentlich hatten die Menschen vor vielen hundert Jahren für ein gutes Raumklima an heißen Tagen gute Lösungen. Zum Beispiel durch Wände aus Naturstein oder Bruchstein. Oder durch Ziegelwände, wo der Dämmstoff in die Ziegel eingearbeitet ist. Das sorgt für eine gute Dämmung und eine gute Speichermasse. So ließe sich das Eindringen der Wärme ins Haus zeitverzögern.

Jetzt ist Paris kein Wunschkonzert und die Erwartungen an die Konferenz schwanken zwischen Trübsinn und Euphorie. Zu welcher Fraktion gehören Sie?
Ich erwarte nicht viel von Paris. Aber das ist meiner persönlichen Einstellung geschuldet, grundsätzlich nicht zu viel von der Politik zu erwarten. Ich gehe inzwischen davon aus, dass das 2-Grad-Ziel nicht mehr erreichbar ist. Das hat vor allem für die Erstellung von Klimamodellen drastische Folgen. Sollte das 2-Grad-Ziel verfehlt werden, wird die künftige Klimaveränderung zunehmend unvorhersehbar.

Das klingt aber nicht, als würden Sie wenig erwarten. Es klingt sogar so, als würden sie gar nichts erwarten?
Das Eigeständnis, das 2-Grad-Ziel nicht zu erreichen, bedeutet nicht, das Paris eigentlich zu Beginn schon gescheitert ist. Die teilnehmenden Länder wollen etwas tun und das ist gut – aber es reicht nicht. Vielleicht gelingt es der Konferenz, eine neue Begeisterung für den Klimaschutz zu vermitteln. Allerdings wird sich in den Ländern erst so etwas wie Begeisterung einstellen, wenn mit dem Klimaschutz Geschäfte gemacht werden können. Neue Geschäftsmodelle zum Wohle des Klimas wären also auch bereits ein Erfolg.

Aber mit Energieeffizienz lassen sich doch heute schon gute Geschäfte machen, bei der Gebäudesanierung – oder zum Beispiel mit Plusenergiegebäuden ...
Da werden aber die falschen Prioritäten und Anreize gesetzt. Wir sind viel zu sehr auf den Strom als Energieträger fixiert. Das führt dazu, dass wir sogar mit Netzstrom im Winter heizen wollen. Heizungen, die auf Strombasis Wärme erzeugen, werden künftig die teuersten Heizungen sein, da die Strompreise im Winter tendenziell steigen werden. Das führt im Sommer außerdem zu Netzstress, wenn die Erträge aus der Photovoltaik zu noch mehr Überschüssen führen, die in die Netze geleitet werden. Und im Winter, wenn kaum Solarerträge da sind, haben wir dann Spitzenlasten, die wir mit fossilen Kraftwerksparks in den Griff bekommen wollen.

Was würden Sie anders machen wollen?
Wenn die Ressourcen knapp sind, wenn es also an Geld und Geist mangelt, dann muss man effektiver damit umgehen. Die Lösung für eines der größten Probleme liegt nicht beim Strom, sondern bei der Wärme – denn die Energieversorgung unserer Häuser ist vor allem eine Wärmeversorgung. Da kann die Photovoltaik allein im Winter keinen effektiven Beitrag leisten.

Aber mit Speichern ist PV doch attraktiv ...
Solarthermie kann Wärme viel effizienter bereitstellen. Da reden wir von Wirkungsgraden bis zu 80 Prozent. Und bei Thermie ist die Speicherproblematik gelöst – bei PV noch nicht. Ein Langzeitwärmespeicher hält 95 Grad über mehrere Wochen und kostet in der Investition etwa 20 €/kWh. Und ein Sonnentag im Winter verschafft ausreichend Energie, um anschließend drei bis vier Tage das Gebäude beheizen zu können. Auf diese Weise lassen sich Gebäude unabhängig mit Wärme versorgen. Zum Vergleich ein LiIo Stromspeicher kostet etwa 1000 €/kWh und kann den Solarstrom von mittags bis in den Abend speichern.

Warum hat sich das noch nicht rumgesprochen?
Solarthermie ist technisch entwickelt, da gibt es wenig Fördergelder für die Wissenschaft. Und eine Wissenschaft, die Politik berät, wird zu dem raten, was noch zu erforschen ist, nicht zu dem, was bereits erforscht ist. Thermie hat keine Lobby und deshalb keinen Einfluss auf Politik, obwohl es eine sensationelle Technik ist. Wärmespeicher ab 50 kWh werden dann auch für Energieversorger interessant. Zum Beispiel können sie überschüssigen Strom in Wärme umwandeln und die Speicher versorgen.

Sie haben einmal die Energieeffizienz als attraktive Altersversorgung bezeichnet. Wie meinen Sie das?

Energie zu sparen ist sogar die bessere Altersversorgung. Wir haben ausgerechnet, dass die Einsparung bei einer Investition von 85.000 Euro in die Energieeffizienz sowie eigene solare Energieversorgung für Wärme, Strom und Mobilität des Hauses den Ertrag einer Riesterrente bis zum 81. Lebensjahr um das 2,5-fache übersteigt. Das Geld in die Effizienz zu stecken ist also die deutlich bessere Altersversorgung.

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